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Der gebrochene Engel
von Susanna Ernst

Crossvalley Smith Crossvalley Smith
© http://www.crossvalley-design.de
Emmi sah ihn zum ersten Mal im Sommer 1944, an einem milden Juni-Nachmittag, nur wenige Tage vor ihrem dreizehnten Geburtstag.
Lauer Wind, der das hohe Gras zu streicheln schien, weckte eine tiefe Sehnsucht in ihr, die Emmi zwar nicht verstand, die es ihr jedoch leicht machte, die trügerische Stille anzunehmen und arglos zu genießen.
Nachdem sie ihre häuslichen Pflichten verrichtet hatte, holte sie eine Decke und ihr Lieblingsbuch.
Unter den tanzenden Blättern der alten Eiche breitete sie ihr Lager aus.
Emmi genoss die Ruhe. Niemand rief nach ihr, niemand kam und suchte sie, und so ließ sich das Mädchen treiben und versank in einer anderen, einer besseren Welt. Keiner konnte so gut entführen wie Schiller mit seinen Gedichten.

Szenentrenner


Im Nachhinein dachte sie noch oft an diese friedlichen Stunden und wunderte sich dann immer wieder, warum sie nicht eher misstrauisch geworden war.
Später wusste sie nicht einmal mehr, was zuerst ertönte – das Geräusch der Flieger selbst oder das Heulen der Sirenen. Sie konnte sich nur noch an den einen Gedanken erinnern, der sie aus ihrer Versunkenheit riss und sekundenlang vereinnahmte: Ich bin tot!
Emmi war sich dessen sicher, denn so tief waren die Flugzeuge noch nie zuvor über die kleine Siedlung hinweggejagt. Es schienen hunderte zu sein. Die ersten Bomben fielen bereits und prasselten mit vernichtendem Getöse auf die Dächer der Häuser nieder.
Als sie sich endlich aus ihrer Starre löste, lief Emmi, so schnell ihre Beine sie trugen, zum Hof ihres Elternhauses, um im Bunker bei den anderen Schutz zu suchen.
Sie erreichte ihn nicht. Als sie über die schmale Straße rannte, die den eigenen Garten begrenzte und von ihrer geliebten Lichtung abschnitt, donnerte einer der Flieger direkt über sie hinweg. Reflexartig warf sie sich nieder und verschränkte die Arme über dem Kopf. Der Lärm war ohrenbetäubend, im wahrsten Sinne des Wortes, und für Sekunden, die sich für Emmi zu Jahren dehnten, hörte sie alles so, als hätte sie ein dickes Kissen auf ihre Ohren gepresst.
Es folgten die Erschütterungen der Erde und Emmi begriff zunächst nicht, dass sie von den Bomben herrührten, die rings herum einschlugen, bis sie erschrocken aufblickte und Zeuge ihres ersten Wunders wurde.
Sie blinzelte gegen das Licht der sich neigenden Sonne. Und in diesem Licht regnete es Kopfsteinpflaster. Die dicken Steine wurden durch die Einschläge aufgeworfen, wirbelten scheinbar schwerelos durch die Luft, bevor sie den Kampf gegen die Anziehungskraft verloren und donnernd auf den Boden plumpsten.
Mit angstgeweiteten Augen sog Emmi die Eindrücke in sich auf. Dann geschah etwas Eigenartiges: Ihr wurde bewusst, dass sie noch nie zuvor etwas Schöneres gesehen hatte als diese Steine, die im Glanz der Sonne für sie tanzten.
Sie beobachtete, wie ein besonders mächtiger Brocken unmittelbar vor ihr aufkam, doch sie empfand keine Furcht mehr. Sie ließ die Arme sinken und wandte den offenen Blick gen Himmel – und da sah sie ihn.
Wie ein Scherenschnitt, so klar zeichneten sich seine Konturen vor der Helligkeit des Firmaments ab. Seine riesigen Schwingen breiteten sich schützend über ihr aus.
Emmi hielt ganz still, zu fasziniert von seinem Anblick, der die skurrile Schönheit des vorangegangenen Augenblicks innerhalb eines Herzschlages in den Schatten stellte.
Der tosende Donner hielt an, doch Emmi vernahm ihn kaum noch.
Als es vorbei war, beugte er sich zu ihr herab und ließ sie sein Gesicht betrachten.
Emmi hielt den Atem an und wagte nicht sich zu rühren, aus Angst, er könne verschwinden. Und genau das geschah.
Nach einem ungläubigen Blick, bei dem sie in dem wässrigen Blau seiner herrlichen Augen versank, schenkte er ihr ein sanftes Lächeln. Dann tat er einen Schlag mit seinen mächtigen Schwingen.
Emmi blinzelte nur einmal – doch er war bereits verschwunden.

Langsam, mit weichen Knien, erhob sie sich.
Die Menschen des kleinen Dorfes krochen indes aus den Kellern und Bunkern und sahen nach dem Rechten. Menschen, die so vertraut waren, die sie liebte, und die ihr später dennoch keinen Glauben schenken würden.
Aber Emmi wusste genau, was sie gesehen hatte und dass sie ihr Leben keinesfalls „einem glücklichen Zufall“ verdankte, sondern allein ihm. Sie stand noch lange, bis der erleichterte Ruf ihrer Mutter erklang, auf der zertrümmerten Straße und drehte sich um die eigene Achse. Überall lagen Steine. Tausende. Dort, wo sie aufgeschlagen waren, hatten sie tiefe Löcher in den Untergrund gerissen, doch Emmi war unversehrt.
Nur sie wusste, dass, hätte man das Bild von oben betrachtet, die Aussparung der Zerstörung die Form riesiger Schwingen trug – und sie stand mittendrin.

Szenentrenner


Nie zuvor hatte er einen Schützling wie sie gehabt.
Emmi sah ihn an, offen und furchtlos, und er wusste, sie konnte ihn tatsächlich sehen.
Er kannte ihre Gedanken verfolgte beeindruckt, dass sie sich nicht von dem Gerede derer beirren ließ, die ihr erklärten, sie habe im Schock halluziniert.
Nach einer Weile erlosch zwar ihr Protest, doch in ihrem Inneren zweifelte Emmi nie an seinem Dasein.
Selbst ihre Gebete drehten sich um ihn. Sie bat ihn oft, sich ihr noch einmal zu zeigen, doch das hatte er nie versucht und er wusste auch nicht, wie er es anstellen sollte. Noch nie zuvor hatte ein Mensch ihn bemerkt.
Er kannte Emmi seit ihrer Geburt und liebte sie sehr. Ihre ruhige Art, ihre Geduld und die Gabe, in allem das Gute zu sehen. Emmi war etwas Besonderes, das spürte er deutlich.

Szenentrenner


Und dann, an einem trüben Novembermorgen im Jahr 1947, sahen sie sich wieder.
Emmi war sechzehn und seit dem Tag ihrer ersten Begegnung mit ihm hatte sie jede Nacht von ihm geträumt. Immer wieder fragte sie sich, wie wohl sein Name sei und ob er sie noch immer begleitete.
In ihm wuchs der Wunsch, es ihr zu beweisen.
Und dieser Wunsch erfüllte sich durch einen winzigen Augenblick der Unaufmerksamkeit. Emmi lief eilig über eine Straße, mitten in der Stadt, und blieb dabei mit ihrem Absatz in dem Loch eines Gullideckels hängen. Genau in diesem Moment schoss ein Auto um die Ecke und hätte Emmi wohl mit voller Wucht erfasst, wäre er nicht zur Stelle gewesen und hätte ihren Schuh in letzter Sekunde befreit.
Die Reifen des Autos quietschten, Emmi stolperte und der Wagen schlidderte knapp an ihr vorbei. Der Fahrer stieg nicht einmal aus.
Jeder andere hätte wohl laut geflucht, doch Emmi blieb still. Sie wandte ihren Blick nach oben und sah direkt in sein Gesicht.
„Da bist du ja wieder“, flüsterte sie und erwiderte sein Lächeln.
Diesmal, vor dem trüben Grau des Himmels, wirkte er noch schöner als zuvor.
Fasziniert sah sie in seine Augen, deren Blau nicht von dieser Welt sein konnte, so sehr schimmerte es.
Nur einen Atemzug später stand ein Mann an ihrer Seite und half ihr auf. Sie versicherte ihm, dass es ihr gut ginge, glättete ihren Rock und sah sich um, doch ihr Engel war verschwunden.
Am selben Abend begann sie mit ihm zu sprechen.
„Ich sehe dich nicht, aber ich weiß, dass du da bist“, begann sie wie aus dem Nichts und blickte von ihrem Tagebuch auf. „Du brauchst einen Namen.“
Wie wahr, dachte er, denn er hatte sich immer nach einem gesehnt.
Sie schwieg lange und kaute auf ihrem Füller herum, den Blick aus dem Fenster auf ihre Lichtung gerichtet, die an jenem Abend in dichtem Nebel versank.
Der Engel saß derweil direkt neben ihr und wartete. Bisher hatte er keine Ungeduld gekannt - doch nun, in diesen wenigen Sekunden seines ewigen Daseins, verspürte er ein seltsames Kribbeln.
„Ab jetzt nenne ich dich Tamuel“, beschloss Emmi und zögerte nicht, ihren Entschluss zu erklären. „Ich weiß nicht, ob es diesen Namen überhaupt gibt, aber Engelnamen enden doch häufig mit „-el“ und ich finde, er passt zu dir.“
Sie drehte den Kopf und sah ihn an. Etwas in ihm vibrierte, bis er merkte, dass es dieses Mal Zufall war, denn ihr Blick ging ins Leere.
„Tamuel klingt ein wenig melancholisch. Und deine Augen - sie wirken, als stünden die Tränen aus tausend Jahren in ihnen.“
Der Engel lauschte gebannt ihren Worten.
Tamuel, dachte er dankbar.

Szenentrenner


Im April 1952 sahen sie sich wieder. Es war der Morgen nach dem Autounfall ihrer Eltern. Emmi saß am Flussufer. Mit geröteten Augen blickte sie in die Strömung hinab. Stundenlang. Sie konnte nicht schwimmen.
Als Tamuel ihre Gedanken erfasste, überkam ihn ein unbekanntes Gefühl: Angst.
Und obwohl es nicht in seiner Macht stand die Menschen vor ihren Entschlüssen zu bewahren, schloss er seine Arme um Emmi und hielt sie fest.
Emmi spürte ein merkwürdiges Kribbeln. Sie wandte sich um. Da kniete er, direkt hinter ihr. Sie sah in sein trauriges Gesicht und brach schluchzend in seinen Armen zusammen.
„Warum kannst du kein Mensch sein, Tamuel? Warum nicht? Wir würden einander lieben, ein Leben lang. Gott, wir würden der Welt zeigen, was Liebe ist.“
Tamuel, dessen Auftrag es war, ihr das zu sein, was sie am meisten ersehnte, war verzweifelt. Wie sehr ihm daanch war, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.
Emmi blickte auf und erkannte in den schimmernden Augen seine Antwort:
„Das tun wir doch. Eine Liebe wie die unsere hat die Welt noch nicht gesehen.“

Mit Tamuel an ihrer Seite wusste Emmi, was andere nur hofften. Und mit dem Wissen um die Engel dieser Welt vertiefte sich über die Jahre ihr Wunsch, selbst Gutes zu tun.
Mit dreißig Jahren ging sie nach Afrika.
Emmi half beim Aufbau vieler Waisenhäuser. Sie unterrichtete tausende von Kindern, setzte sich für sauberes Trinkwasser und medizinische Versorgung ein.
Da das Leben in Afrika härter war als in der Heimat, begegnete sie Tamuel fortan häufiger als zuvor. Nie sprach er - kein einziges Wort - doch er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen und die Tränen in seinen Augen – und das war genug, denn Emmi wusste genau, was er fühlte.
Die Jahre vergingen. Ehe sie sich versah, hatte Emmi ihr Leben dem verzweifelten Versuch gewidmet, die Welt ein wenig gerechter zu machen.
Sie war 74 Jahre alt, als sie der Malaria erlag.
Tamuel zerbrach an ihrem Tod, denn obwohl er dieses unausweichliche Prozedere schon so oft erlebt hatte, war es dieses Mal anders. Denn es war seine Emmi, die er nun nie wieder sehen würde, und es fiel ihm schwer, sie den anderen Engeln zu überlassen.
Azrael würde ihren Namen aus seinem Buch des Lebens streichen, Michael ihre Seele sanft hinüberleiten, Mahriel zusehen, wie ihre gereinigte Seele durch das Tor des ersten Himmels trat und sie durch eine neue ersetzen, und Emmi ... sie wäre für immer erlöst, während er, Tamuel, seine Ewigkeit auf der Erde fristen müsse.
Die Erkenntnis rief nie gekannte Verzweiflung in ihm hervor und in seiner Not bat er Rachmiel, den Engel des Mitgefühls, um Rat.
„Emmi hat durch dich so viel gewonnen“, erklärte sein Freund. „Selbstlosigkeit, Barmherzigkeit, Geduld. Du hast sie beinahe zu einer von uns gemacht. Du hingegen bist ein Stück weit Mensch für sie geworden, denn das war es, was sie ersehnte. Ihr Verlust schmerzt so sehr, weil sie sich deiner Gegenwart stets bewusst war. Ihr wart Gefährten - ein Leben lang.“
Tamuel dachte lange über diese Worte nach und bat schließlich Remiel, den Engel der Barmherzigkeit, um ein Wunder. Dann machte er sich auf den Weg zu Emmis Grab.
Hier lag ihr Körper, belanglos zwar, aber doch Teil der Frau, die er so sehr geliebt hatte. Und so beugte sich Tamuel über den Stein, umschloss ihn mit all seiner Sehnsucht ... und weinte die Tränen von tausend Jahren auf ihr Grab herab.

Szenentrenner


Als der nächste Morgen anbrach und der Friedhofsgärtner im glühenden Licht der aufgehenden Sonne seine Runde drehte, blieb er wie angewurzelt vor einem der Gräber stehen. Hinter dem großen Stein kniete ein Engel mit riesigen Schwingen. Die trauernde Statue wirkte so lebensnah und gebrochen, dass der Mann den Kummer des Engels wahrhaftig spürte.
Trotz der herrschenden Hitze war die Erde locker und feucht und mitten auf dem frischen Grab erblühte eine einzelne weiße Rose.
Ungläubig betrachtete der Gärtner das Grab. Schließlich ließ er seinen Blick über die Inschrift gleiten und las:

Emilie Brecht
23.06.1931 – 14.08. 2005
Du zeigtest der Welt, was Liebe heißt


15. Mai. 2011 - Susanna Ernst

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