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Wandlung
von Elisabeth Weißenburger

Gaby Hylla Gaby Hylla
© http://www.gabyhylla-3d.de
Auf dem zerkratzten Tisch surrte der Uralt-Kasettenrecorder neben einem Glas Wasser.
„Warum?“ Der Inspektor inhalierte den Rauch seiner Zigarette und studierte das Gesicht seines Gegenübers. Sein Anzug war genauso schäbig wie der Verhörraum, in dem sie sich befanden.
Alessandro war sich der eigenen Wirkung wohl bewusst. Seine langen blonden Locken, die zu engen Jeans und die halbnackt zur Schau getragene haarlose Brust sprachen Bände.
Nutte! Und wenn schon. Das wird den spießigen Bullen vielleicht so weit ablenken, dass er das Offensichtliche übersieht.
„Eine Zigarette. Mann, nur ein Zug. Das wird Sie nicht Ihre Karriere kosten.“
Der Inspektor zögerte und hielt Alessandro schließlich doch seinen Glimmstengel hin.
Weiter als nötig beugte Alessandro sich über den Tisch. Den Kopf nach hinten gebogen, mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen ließ er sich die Zigarette reichen und nahm einen tiefen Zug. Der Rauch kratzte in seiner Kehle. Er schluckte den Hustenreiz hinunter, öffnete die Augen und sah den Inspektor an. „Wollen Sie es wirklich wissen?“ Er lächelte.
„Hören Sie auf mit den Spielchen! Es gibt noch andere Mittel und Wege, Sie zum sprechen zu bringen.“
„Drohen Sie mir jetzt mit Schlägen?“ Alessandros Lächeln wurde breiter. Er legte den Kopf auf den Tisch, den Blick immer noch auf sein Gegenüber gerichtet.
„Es reicht jetzt! Setzen Sie sich hin!“
„Sonst …“ Zu langsam, als dass es wirklich gehorsam gewirkt hätte, kam Alessandro der Aufforderung nach. Er rutschte den Stuhl vom Tisch weg, legte den Kopf nach hinten und spreizte die Beine.
„Verdammt!“ Der andere Mann sprang auf und wischte das Glas vom Tisch, das neben dem Recorder stand. Klirrend zersprang es am Boden. „Hören Sie auf damit!“
„Besorgt es Ihnen Ihre Frau auch gut? Nein?“ Alessandro räkelte sich auf seinem Stuhl. „Wenn ich Ihnen einen blase, werden Sie es nie wieder vergessen.“
„Sie wollen es nicht anders.“ Der Inspektor ging zur Tür und klopfte dagegen. „Aufmachen!“
Die Tür ging auf. „Was …“
„Ich gebe auf. Sollen die anderen ihn haben.“

Sie hatten ihn angekettet. Versuchsweise zog Alessandro an den schweren Ketten.
Gott, bin ich so gefährlich?
Ein Lachen lauerte in seiner Kehle.
Wasser tropfte irgendwo zu Boden. Das Geräusch hallte durch die Gänge der Katakomben, deren Wände aus großen Steinquadern gefügt waren. Der Geruch nach Moder drang in Alessandros Nase. Kälte sickerte durch seine dünnen Kleider.
Scheiße! Was ist das hier? Eine Gruft?
Er setzte sich endlich und lehnte sich an die Wand. Sein Blick fiel auf das Fenster gegenüber. Mondlicht sickerte durch die Gitter. Weckte Erinnerungen.
An Hände, die über seinen Körper streichen. Lippen, die die seinen berühren. Ein Funken, der überspringt, als ihre Zungenspitzen sich treffen.
Er keuchte und schloss die Augen, versuchte, die Erinnerung zu halten. Sehnte den nächsten Moment herbei, denjenigen, als die Hände zwischen seinen Oberschenkeln nach oben wanderten und …
Schritte hallten durch die Gänge, näherten sich.
Alessandro öffnete die Augen und starrte auf das Fenster. Das Echo der Erinnerungen zerstob im fahlen Licht der Morgendämmerung. Ein leises Stöhnen drang aus seinem Mund.
„Wollen wir reden?“, fragte eine heisere Stimme von der Tür.
Ein Lichtstrahl fingerte durch das Gitter des Fensters und traf den Boden neben Alessandro.
Wieder lauerte das irre Zucken in Alessandros Kehle.
„Glaubt Ihr etwa den Schwachsinn? Sonnenlicht …“ Ein Lachanfall erstickte seine weiteren Worte.

„Und was jetzt?“ Der Stuhl, auf den man ihn gefesselt hatte, erinnerte Alessandro nicht unwesentlich an ein Folterinstrument. Auch der Verhörraum ähnelte eher einer mittelalterlichen Folterkammer. Er musste zu den Katakomben gehören, wo man ihn eingesperrt hatte.
Der Mann, der ihm dieses Mal gegenüber saß, wirkte keineswegs wie ein spießiger Bulle, sondern eher wie eine Bulldogge, die sich danach sehnt, endlich ihre Zähne in ihr Opfer zu senken, um es zu zerreißen. „Du weißt, was wir wissen wollen?“
„Warum ich es getan habe?“ Alessandro fühlte, dass sein Lächeln misslang.
Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein. Wem dienst du?“
„Hat Ihnen das der Bulle nicht erzählt? Mein Zuhälter ist …“
Der Mann schlug ihm ins Gesicht. „Schluss damit! Wem dienst du?“
Alessandro schmeckte Blut. Er zog die Nase hoch und sah sein Gegenüber mit schief gelegtem Kopf von unten an. „Sonst …“
Mit schmalen Lippen beugte sich der Mann zu ihm hinunter und packte Alessandros Kinn. Seine Finger fühlten sich an wie Schraubzwingen. „Es gibt Mittel und Wege …“
Alessandro öffnete leicht den Mund und leckte sich das Blut von den Lippen. „Ich freue mich darauf.“
Angewidert ließ der Mann ihn los. „Glaub ja nicht, dass ich mir an dir die Finger schmutzig mache!“
„Natürlich! Immer schön sauber bleiben. Hast du es lieber, wenn ich stöhne oder wenn ich schreie?“
„Dreckstück!“ Der Mann starrte breitbeinig auf Alessandro hinab. „Wenn ich nicht wüsste, dass es dir Spaß macht, würde ich dich windelweich prügeln. Also: Wem dienst du?“
„Und womit wollen Sie mir drohen?“
„Finde es selbst heraus, du kleine Nutte!“

Er saß auf dem Stuhl.
Samtene Dunkelheit umfing ihn. Das hallende Geräusch der Tropfen füllte den Raum und seine Ohren, bis er glaubte, daran zu ersticken.
Sein Herz raste.
Was? Oh Gott, was passiert?
Wer ist er?
Ein Konkurrent?
Nein, das hätte ich gespürt.
Jemand, der IHM nach dem Leben trachtet. Keine Polizei. Ein Wissender.
Ein Jäger.

Alessandros Herz ließ einen Schlag aus.
Will er mich als Köder benutzen?
Nein, oh Gott. Nein. Alles, nur das nicht.
Ruhig, ruhig. Deine Angst ruft IHN. Denk an etwas Schönes …
Hände, die seinen Bauch streicheln, seine Brust, seinen Rücken. Lippen, die die seinen berühren. Ein Kuss …

Das Trippeln kleiner Füße erreichte sein Bewusstsein. Alessandro schreckte hoch. Etwas berührte sein Bein. Kalter Schreck umklammerte sein Herz.
Nicht schreien!
Er biss sich auf die Lippen. Fühlte, wie die kleinen Krallen an ihm hoch kletterten und über seinen Schoß liefen.
Hände, die ihn streicheln.
Eine Träne lief über sein Gesicht.
Hände, die ihn streicheln und liebkosen. Lippen, die seinen Mund berühren. Der Funken, als ihre Zungen einander finden, und feuchte Wärme in seiner Hose erzeugt. Das Verlangen pochen und schwellen lässt.
Ein leises Stöhnen drang aus seinem Mund.
Ein Name.
Ein letzter Rest Vernunft ließ ihn das Wort verschlucken, bevor es seinen Mund verließ. Das Verlangen war real geworden. Er hob sein Becken auf der Suche nach Widerstand. Keuchte.
Die Füßchen trippelten über ihn hinweg, wurden zu Händen, die ihn streichelten und lockten. Bis er kam und sich stöhnend und windend in seine Hose ergoss.

„Dreckstück!“
Eine blakende Flamme erhellte den Verhörraum. Die Bulldogge hatte Gesellschaft in Form einer Frau bekommen, die ihn musterte, wie ein seltenes Insekt.
„Er hat nichts gesagt?“
„Nichts.“
„Wie lange?“
„Drei Tage.“ Der Mann trat gegen den Stuhl, auf den Alessandro gefesselt war. “Hat in seine Hose gewichst, das Luder.“
Die Welt drehte sich. Ein Schauer lief über Alessandros Rücken.
„Ein hübsches Luder. Habt ihr schon daran gedacht, ihn etwas zu verändern? So dass er seinem Herrn nicht mehr gefällt?“
Alessandro wurde kalt.
Die Frau lächelte. „Nicht wahr? Das macht dir Angst, kleiner Stricherjunge. Wie ist es, wenn dein schöner Körper dir nicht mehr zur Verfügung steht? Glaubst du, dein Meister will noch etwas von dir wissen, wenn du keine hübschen blauen Augen und keinen Schwanz mehr hast?“
Mühsam versuchte Alessandro sein Zittern zu verbergen. „Sie haben keine Ahnung“, keuchte er.
„Nein?“ Die Frau griff in Alessandros Haare und zog seinen Kopf nach hinten, so dass er ihr ins Gesicht sehen musste.
Er las Grausamkeit in den fein geschnittenen Zügen und wurde sich des Schweißes bewusst, der sein Gesicht bedeckte. Unwillkürlich versuchte er sie anzuspucken. Aber sein Mund war wie ausgetrocknet.
„Ich bin eine Frau. Ich weiß, was dich treibt.“ Sie lächelte und strich ihm über die Wange.
Ihre Finger weckten Erinnerungen. Alessandro biss sich auf die Zähne und schloss die Augen.
Hände, die ihn streicheln …
„Hör auf!“, knurrte der Mann.
Die Frau ließ Alessandro abrupt los. „Was …“
„Er ist ein Mensch. Du kennst die Gesetze.“
„Scheiß auf die Gesetze! Diese kleine Kakerlake wird nicht reden, so lange du nicht dazu gewillt bist, ihm echten Schaden zu zufügen. Schau ihn dir doch an, du Dummkopf! Er wälzt sich in seiner Geilheit. Nutz sie gegen ihn. Anders kommst du nicht an ihn heran!“
„Er wird nicht gefoltert oder verstümmelt.“
Siegessicher hob Alessandro den Kopf, um die beiden Kontrahenten durch die Strähnen seiner blonden Locken zu beobachten.
„Es gibt andere Mittel und Wege. Wurde er gebissen?“
„Keine Ahnung.“
Die Frau trat an Alessandro heran und griff nach seiner Stirn. Einen Herzschlag später lächelte sie. „Vertrau mir. Lass ihn noch ein bisschen zappeln. Dann wird er reden wie ein Wasserfall.“

Was hat sie vor?
Gebissen? Wovon?

Er riss an den Fesseln. Obwohl er schon vorher wusste, dass es keinen Sinn hatte. Er hatte schon oft genug an ihnen gezerrt. Sie waren felsenfest und bewegten sich keinen Millimeter. All das hatte nur dazu geführt, dass seine Handgelenke wund und blutig wurden. Das Blut lockte die Ratten an. Allein der Gedanke trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Ein Schauer lief über seinen Rücken.
Die Ratten! Will sie mich damit gefügig machen?
Das ist idiotisch. Ich habe drei Tage mit den Ratten zugebracht und ihnen nichts verraten. Ich halte auch zehn Tage aus. Gesetzt den Fall, ich bin vorher nicht verdurstet.

Sein Mund war staubtrocken. Er leckte sich über die Lippen und versuchte dabei nicht an die anderen Lippen zu denken, die ihn geküsst hatten. Damals. Als alles begann …
Er keuchte und versuchte die Erinnerungen weg zu schieben. Fort. In den hintersten Winkel seines Bewusstsein. Aber sie zwängten sich wieder hervor, griffen nach ihm, waren zu wuchtig, um sich verdrängen zu lassen.
Ein leises Stöhnen drang über seinen Mund. Die Welt schwankte. Er fror. Blinzelnd kämpfte er gegen die Schwere seiner Lider.
Nicht einschlafen! Gott, wenn es doch nur nicht so kalt wäre.
Ein Schüttelfrost packte ihn und brachte seine Zähne zum klappern. Die Zeit dehnte sich und bekam Löcher. Er zitterte.
Gott! Gott, wenn es dich gibt. Dann hilf mir, verdammt!
Aber Gott lachte ihn aus. „Du hast deine Seele an den Teufel verkauft und erwartest meine Hilfe, du Narr?“
Ich mache es wieder gut. Ich komme zurück. Es heißt doch, dass dir die Seele eines Sünders ebenso wichtig ist wie die eines Gläubigen. Rette mich!
„Dann bereue und schwöre ab. Sag den Namen, damit ich ihn verfluchen kann!“
Nein.
Tränen tropften von seinem Kinn.
Nein. Niemals.

Hände streichelten über seine Brust. Seine Haut war fieberheiß. Er stöhnte leise und warf den Kopf zur Seite.
„Herr?“ Seine Stimme war so rau und heiser, dass er erschrak.
„Sch“, machte eine Stimme.
Die Hände streichelten weiter, glitten an seinen Seiten hinab, öffneten sein Hemd. Ein fremder Atem strich über seine erhitzte Haut. Ein Mund drückte sich sacht auf seinen Bauch. Die Hände wanderten zu seinem Hosenbund und öffneten ihn, griffen hinein und strichen über sein Geschlecht.
Er keuchte auf und hob den Händen sein Becken entgegen. „Herr …“ Sein Atem flog.
„Ja?“ Nur ein Hauch. Der Atem versengte seine Haut.
Stöhnend bäumte er sich auf.
Die Hände nutzten die Gelegenheit und zogen ihm die Hose herunter, spielten mit seinem Verlangen, lockten es.
„Herr!“
„Sag meinen Namen!“
Die Stimme. Er kannte die Stimme.
„Sag meinen Namen.“ Der fremde Atem traf sein Geschlecht. Finger strichen von seinem Hals hinab zu seinem Schritt, verhielten.
Alessandro warf den Kopf zur Seite.
„Meinen Namen!“
Die Stimme gehörte einer Frau.
„Nein.“
Ein Wutschrei hallte durch den Raum. Etwas traf ihn im Schritt und schickte ihn in die Dunkelheit.

Die Asphaltflicken der schmalen Gasse waren nass vom Regen. In den Pfützen spiegelte sich der Mond und aus den Abfallcontainern um die Ecke drang der Gestank von faulem Gemüse, Verwesung und Schimmel.
ER stand vor ihm. Allein SEINE Anwesenheit genügte, um Alessandros Verlangen zu wecken. Sein Atem ging schneller.
„Hast du, was ich wollte?“ Die dunkle Stimme ließ Alessandros Brustkorb vibrieren.
„Zwei junge Mädchen, ganz wie Ihr es wolltet.“
„Das Speed?“
„Hier.“ Er reichte IHM den Beutel. Ihre Finger berührten sich. Alessandro keuchte unwillkürlich.
ER fixierte ihn kurz und drehte sich um, um zu gehen.
„Halt! Wartet!“ Alessandro befeuchtete seine Lippen. „Was … was ist mit meiner Belohnung? Ich meine …“
„Belohnung?“ ER wandte sich ihm wieder zu. Ein Bündel Banknoten lag in SEINER Hand. Die dunklen Augen schienen Alessandro verschlingen zu wollen.
„Nein. Kein Geld.“
ER steckte das Geld wieder ein. „Sondern?“
„Wandelt mich.“
Eine Pause entstand. In der Stille war der Atem der Stadt zu hören. Autos rauschten weit entfernt vorbei. Irgendwo schrillte eine Sirene.
Alessandro glaubte zu ersticken.
„Was weißt du vom wandeln, Junge?“ Die Worte klangen fast zärtlich.
„Nichts. Ich …“
ER kam einen Schritt näher.
Alessandros Herz klopfte, als wolle es zerspringen.
SEINE Hand legte sich groß und schwer auf Alessandros Schulter, verweilte dort, brachte Alessandros Haut zum glühen.
„Ich“, stotterte er noch einmal und kam einen Schritt auf IHN zu.
ER hob nun auch die linke Hand, fasste nach Alessandros Hemdkragen und zog ihn langsam auseinander. SEINE Finger streiften dabei Alessandros Haut. Hinterließen ein Prickeln überall dort, wo er ihn berührte. Ein Prickeln, das hinunter schoss in Alessandros Schritt und dort pochte und schwoll.
Alessandro keuchte und schloss die Augen.
„Ist es das, was du willst?“, raunte die tiefe Stimme an seinem Ohr.
„Nein. Nein, ich will … die Wandlung.“
Ein paar Lippen berührten Alessandros Mund, strichen über sein Gesicht, den Hals hinab bis zu seiner Halsbeuge. Etwas Spitzes bohrte sich in seine Haut. Die Hände zerrissen mit einem Ruck sein Hemd, rutschten tiefer und zerrissen mit unglaublicher Kraft seine Hose, drückten ihn zu Boden und drängten seine Beine auseinander. Lockten sein Verlangen.
Ein Stöhnen drang aus Alessandros Mund. Wurde zu einem kehligen Schrei, als die Lippen über seine Brust hinab glitten in seinen Schritt.

„Ich brauche etwas.“ ER saß neben Alessandro auf dem Bett. SEIN Zeigefinger strich über Alessandros Kehle.
Die Laken, auf denen Alessandro lag, waren aus Seide. Er schloss die Augen. „Alles, was Ihr wollt.“
ER beugte sich mit einem Knurren über ihn und leckte über seinen Hals. „Es könnte dein Tod sein.“
Zwischen Alessandros Beinen erwachte das Verlangen. „Wandelt Ihr mich dann?“
„Du kannst es nur tun, weil du ein Mensch bist.“ SEINE Zunge strich über Alessandros Brust und entlockte ihm ein Stöhnen.
„Danach?“
Die Zunge wanderte weiter nach unten. „Willst du nicht wissen, um was es geht?“ Die Lippen streifen bei den Worten Alessandros Geschlecht.
Alessandro keuchte und bäumte sich auf. „Wandelt Ihr …“
„Warum?“ SEINE Lippen küssten Alessandros Innenseite der Oberschenkel.
„Weil … weil ich will, dass das nie aufhört …“
„Dummkopf.“ Die Worte klangen zärtlich. Ein sanfter Kuss traf Alessandros Schritt. „Dann tust du es?“
„Ja.“ Das Wort glich einem Aufschrei. Mit ihm zerstieb der letzte Rest von Alessandros Willen.

Den Priester zu überwältigen war kein Problem gewesen. Dumm nur, dass er mit dem Hinterkopf auf den Altar geknallt war. Aber er hatte ohnehin sein Blut gebraucht. Wozu sich also darüber aufregen? Hauptsache er lebte lange genug, dass er ihn ausbluten lassen konnte.
Die Seilwinde quietschte, als Alessandro den schlaffen Körper vor dem Kreuz an den Füßen in die Höhe zog. Als sich der Kopf knapp über dem Boden befand, verknotete er das Seil am Altarfuß und zog den Eimer darunter. Ein Schnitt mit dem Klappmesser und das Blut des Priesters sprudelte aus der Halsschlagader in das Behältnis. Der Mann stöhnte, seine Arme zuckten, dann war er wieder still.
Alessandro sprang auf und eilte zum Tabernakel. Das Schloss war ein Witz. Er packte die Hostien ungesehen in seine Umhängetasche und machte sich auf die Suche nach dem Weihwasser. In der Sakristei fand er mehrere Flaschen. Mehr als er erhofft hatte. Und auch die alte Bibel, die ihm beschrieben worden war, lag an ihrem Platz. Mit prall gefüllter Umhängetasche kehrte er zum Altar zurück.
Der Eimer war voll. Er konnte gehen, um sein Diebesgut in Sicherheit zu bringen, bevor er in die Kirche zurückkehrte, um sich von der Polizei festnehmen zu lassen.


Die Dunkelheit wich. Kälte sickerte von unten in seinen Körper. Im Reflex wollte er sich aufsetzen, bemerkte erst jetzt, dass er an Händen und Füßen gefesselt war. Sein Herz schlug eine Spur schneller. Darum bemüht, nicht zu zittern, öffnete Alessandro die Augen.
Eine Frau beugte sich über ihn. Alessandro konnte ihre Andersartigkeit förmlich riechen. Angeekelt stieß sie ihn zu Boden. „Du stinkst nach ihm, Menschenabschaum.“
Ein Kälteschauer lief durch Alessandros Körper. Er befand sich in einem riesigen Saal. Der Boden war aus Marmor. Durch hohe Bogenfenster konnte man den Nachthimmel erkennen. An einer der Wände hing das Wappen, das ER ihm gezeigt hatte.
Es war soweit. Alles war so gekommen, wie ER es geplant hatte.
Alessandro schluckte und sammelte seine Kraft. Nun lag es an ihm, ob er seine Belohnung erhalten würde.
Ein Mann trat neben die Frau. „Bring ihn zum reden.“
„Ich soll … Mit ihm?“ Das Wort „ihm“ klang, als spreche sie über ein ekliges Insekt, das nur wert war, unter ihren Füßen zertreten zu werden.
„Mein Dank wäre dir sicher.“
Die Frau lachte. „Oh nein. So nicht.“
„Ich muss wissen, was er weiß und wieso die Jäger ihn vor unsere Haustür geworfen haben.“
„Das ist doch offensichtlich. Er ist der Diener desjenigen, der uns unser Jagdgebiet streitig macht. Die Jäger haben ihn uns geschenkt, um Unfrieden zwischen uns zu stiften. Wenn es aussieht, als hätten wir den kleinen Bastard auf dem Gewissen, dann wird sich sein Herr gegen uns wenden. Und wir nehmen ihnen die Arbeit ab.“
„Das ist zu einfach.“
Die Frau schnaubte. „Oh, dann mach du dir doch die Hände an ihm schmutzig.“
„Tu, was ich sage.“
„Muss er überleben?“
„War mir je daran gelegen?“

Alessandros Körper war ein Meer aus Schmerz. Erschöpft schloss er die Augen. Der Altar, auf dem er lag, war ebenso kalt wie der Marmorboden der Halle. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie es sich anfühlte, warm zu sein. Sie hatten ihn nackt mit über dem Kopf ausgebreiteten Armen und gespreizten Beinen auf dem riesigen Tisch festgebunden, der die Mitte der Halle einnahm.
Die Halle füllte sich. Er wusste, was ihm bevorstand.
Starr blickte er an die mit Stuck verzierte Decke der Halle. Bis vor wenigen Augenblicken hatte er noch geglaubt, ER werde rechtzeitig kommen, um ihn zu retten. Wozu sonst hatte ER ihm den Peilsender in den Oberschenkel injiziert? Aber ER kam nicht. Und Er würde nicht mehr kommen. Zu viele SEINER Feinde waren inzwischen anwesend. Und er würde ihr heutiges Festmahl sein.
Er schloss die Augen, kramte in seinen Erinnerungen, um der Bitterkeit des Moments etwas Süße zu geben.
Hände, die seine Brust streicheln, seinen Bauch. Lippen, die ihn küssen, seinen Hals, die Brust, bis hinab …
Eine Träne löste sich und rann über sein Gesicht. Eine zweite. Ein ganzer Strom.
Er wollte schreien und um sich schlagen, bis er zu erschöpft und zu heiser war, um sich noch zu regen. Wollte den Raum hier verwüsten, die Gesichter der Anwesenden zerfetzen und ihr Blut trinken. Ihre Eingeweide aus ihnen herauszerren und auf dem Boden verteilen.
Aber er biss sich nur auf die Lippen, um den irren Schmerz in seiner Brust zu betäuben, der schlimmer war als all die Wunden, die seine Peiniger ihm zugefügt hatten. Schmeckte sein eigenes Blut, das süß und salzig zugleich seinen Mund füllte.
Sie scharten sich um ihn. Er hörte ihr Raunen und Scharren, mit dem sie näher kamen. Plötzlich herrschte Stille. Alessandros Herz klopfte so hart, dass er glaubte, es müsse den Saal sprengen.
Jemand berührte ihn. Als sei dies das Signal gewesen, griffen sie zu. Hände fassten nach ihm. Lippen saugten sich an ihm fest. Zähne drangen in seine Haut ein. Rissen daran, verbissen sich in sein Fleisch. Wie Hunde, die sich um die Beute streiten.
Er schrie. Ein Schrei, der ihm schier den Kopf sprengte, den er selbst nicht mehr als menschlich erkannte.
Roter Regen senkte sich auf ihn nieder. Bedeckte die Anwesenden. Fauchen mischte sich in seinen Schrei. Weitere Schreie ertönten, schrill und jaulend. Waren nicht die seinen. Rauch quoll aus den Kleidern der Anwesenden, die wie blind umher tappten, um sich schlugen und zuckend zu Boden gingen.
Der rote Regen wurde heller, wurde zu Wasser. Als er endete, ging ein Regen aus Papierfetzen und Krümeln auf die am Boden liegenden nieder. Die Schreie wurden leiser und verstummten schließlich ganz.

Alessandro lag auf einem Bett mit seidenen Laken. Die Wunden schmerzten kaum noch und auch das Fieber, das er den Rattenbissen verdankte, war gewichen. Das dämmrige Licht einiger Kerzen erhellte den Raum.
ER saß neben ihm. SEINE Finger strichen sanft von Alessandros Lippen, über seinen Hals, seine Brust bis hinab zu seinem Bauchnabel und schickten einen Schauer der Lust über Alessandros Rücken. ER beugte sich über ihn. Seine Lippen berührten Alessandros, streiften seinen Hals hinab zu seiner Halsbeuge.
„Willst du deine Belohnung?“, hauchte ER.
Alessandro wand sich unter der Berührung. Er keuchte. In seinem Schritt pochte es. „Ich will Euch fühlen.“
„Keine Wandlung?“ ER drehte Alessandro sanft auf den Bauch, während seine Lippen Alessandros Halsbeuge liebkosten.
„Was …“ Ein Stöhnen unterbrach Alessandros Worte. „… was wäre damit?“
„Wir wären Feinde.“
SEINE Knie drängten Alessandros Beine auseinander. Alessandro fühlte SEINE Nähe, als ER sich auf ihn herab senkte. Er schloss die Augen und wartete auf die Berührung, sehnte sie herbei mit all seinen Sinnen. Wollte nur noch eines. „Nimm mich!“
„Dann hast du dich entschieden?“
Die Ewigkeit gegen diesen Moment der Süße?
Die Antwort war so einfach.

09. Jul. 2012 - Elisabeth Weißenburger

Bereits veröffentlicht in:

DARK VAMPIRE
. unbekannt (Hrsg.)
Anthologie - Horror-Stories - Romantruhe - Jun. 2010

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