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Aachener Teufelei
von Andreas Dresen

Diese Kurzgeschichte ist Teil der Kolumne:

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A. Bionda
98 Beiträge / 27 Interviews / 31 Kurzgeschichten / 5 Artikel / 59 Galerie-Bilder vorhanden
Andrä Martyna Andrä Martyna
© http://www.andrae-martyna.de/
Der ständige Nieselregen trieb Josef Vandervaals zurück in sein Büro. Er schüttelte das Wasser von seinem Mantel, als er das Haus betrat und die dunkle Treppe zu seinen Räumen hinaufstieg. Das Licht im Hausflur schaltete er nicht ein. Eine alte Gewohnheit, die sein Beruf als privater Ermittler mit sich brachte. Keine Aufmerksamkeit erzeugen.
„Ich brauche Ihre Hilfe!“ Die Stimme aus dem Dunkel war leise aber bestimmt. Vandervaals schreckte zusammen, fasste sich aber sofort wieder. Auf der Treppe neben seiner Haustür saß eine Frau.
„Kommen Sie erst mal rein“, murmelte er und schloss die Tür zu seinem Büro auf.
Ein paar Minuten später saßen sie sich auf der kleinen Couchgarnitur gegenüber. Josef wärmte seine Hände an einer heißen Tasse Kaffee, während er die Dame musterte. Er konnte ihr Alter nur raten – zwischen vierzig und sechzig, schlank, blonde glatte Haare und viel zu viel Goldschmuck am Körper. Wahrscheinlich wartete unten ein schneller BMW auf sie, ein Cabrio oder einer dieser neumodischen SUVs. Eine solche Frau kam ausgerechnet zu ihm, einem abgebrannten Schnüffler aus dem Ostviertel? Sie musste sehr verzweifelt sein. Oder er hatte einfach unheimliches Glück.
„Also, Frau …“, er unterbrach sich, da er ihren Namen nicht wusste.
„Schmitz“, antwortete sie. "Gisela Schmitz."
Josef stutzte. Schmitz? Wollte sie ihn auf den Arm nehmen? Der Name passte zu der Lady wie ein Eisbär in die Wüste. Ich kann das Spiel ja mal mitspielen, dachte er. Sie würde sicherlich nicht kleinlich sein. Und Geld brauchte er dringend.
„Also, Frau Schmitz, was kann ich für Sie tun?“
Die Dame stellte ihren Kaffee auf den kleinen Tisch zwischen ihnen und lehnte sich zurück. Sie zog eine dünne Packung mit langen Zigaretten aus der Handtasche, wartete bis Vandervaals ihr Feuer gab.
„Ich möchte, dass Sie den Teufel für mich finden“, sagte sie. „Er ist hier. In Aachen. Ich weiß es.“
Vandervaals schluckte. Eine Verrückte. Warum immer er? Er nahm sich zusammen, dachte an das Geld und lächelte.

Als Frau Schmitz gegangen war, trat auch er wieder auf die Straße. Sie hatte ihm nicht lange Zeit gegeben, den Teufel zu finden. Heute Abend gegen zwanzig Uhr erwartete sie seine Ergebnisse. Dafür raschelten nun fünftausend Euro Vorschuss in seiner Tasche. Er ging zu dem kleinen türkischen Laden auf der anderen Straßenseite, um sich zu stärken und seine Gedanken wandern zu lassen.
„Zwei Bier, ein Ayran und eine Lahmacun, Musti.“ Vandervaals kannte Mustafa schon seit Jahren, fast täglich ging er hier essen.
Musti stellte ihm die Flaschen auf die Theke, öffnete eine und kümmerte sich dann um die Lahmacun. „Ein schwerer Fall?“
„Das kannst du laut sagen. Ich soll jemanden suchen, und ich glaube, ganz ehrlich, dass es diesen Jemand nicht wirklich gibt.“
„Das wirst du schon schaffen, Jupp. So wie jedes Mal.“ Musti wickelte die Hackfleischpizza in einen Streifen Alufolie und reichte sie Josef.
Vandervaals nickte, zahlte und wollte hinausgehen. Da blieb er stehen und drehte sich noch mal um. „Musti, du bist doch Moslem. Was denkst du über den Teufel?“
„Was soll das denn jetzt?“ Musti lehnte sich auf den Tresen und machte mit der Fernbedienung den Fernseher an. „Was interessiert mich der Teufel. Die Alemannia hat seit sechs Spielen nicht mehr gewonnen. Wenn die heute Abend nicht siegen, dann ist es vorbei mit denen. Dann kannst du Aachen in der Pfeife rauchen. Abstieg! Das Ganze ist wie verhext“, regte er sich auf. „Seitdem wir das neue Stadion haben, läuft nichts mehr rund. Da hat doch der Teufel seine Finger im Spiel, das sage ich dir. Der Rest ist mir egal.“

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Vandervaals hatte es nicht mit Fußball, ihn plagten andere Probleme. Er fragte sich, wie er sich dem Thema „Teufel“ nähern konnte. Die Frau war offensichtlich verrückt, aber sie zahlte gut. Daher war es für ihn selbstverständlich, dass er sich zumindest einmal auf die Suche machte. Außerdem, sollte er Erfolg haben, konnte das für ihn der Durchbruch sein. Aufträge von der besseren Gesellschaft konnte er gut gebrauchen.
Er setzte sich in seinen alten Opel Corsa, ein Wagen, der nicht besonders auffiel, egal wo und wen er gerade beschattete. Wo sollte er hinfahren? Wo konnte er den Teufel finden? Eigentlich war das auch nur ein Auftrag wie jeder andere. Jemanden zu finden, der nicht gefunden werden wollte, war schließlich sein Job. Josef ließ sich den Adalbertsteinweg hinunterrollen, als sein Blick auf den Lousberg fiel. Das ist ein Anfang, dachte er.
Er gab Gas und raste den Innenring entlang, bis er schließlich in die Kupferstraße einbog und seinen Wagen die Kurven des Aachener Stadtbergs erklimmen ließ. Direkt am ersten Parkplatz wurde er fündig. Ein Denkmal erinnerte an die Geschichte mit der alten Lous und dem Teufel.
Er lachte, als er an die Sage dachte. Bis er oben auf der Spitze des Lousbergs ankam, war ihm die ganze Geschichte wieder eingefallen. Der Teufel hatte es sich einst in den Kopf gesetzt, Aachen unter einem riesigen Haufen Sand zu begraben. Josef wusste nicht mehr warum, aber er war sicher, dass ihn die Aachener Bürger beim Bau des Doms hinters Licht geführt hatten. Der Teufel war mit einem großen Sack voller Sand vom Nordseestrand hierher gewandert. Kurz vor Aachen hielt er erschöpft an, um eine alte Frau nach dem Weg zu fragen. Diese aber erkannte den Teufel an seinem Pferdefuß und dem Gestank nach Schwefel. Die alte Lous, denn so war ihr Name, überzeugte den Teufel, dass er sich verlaufen habe, auf jeden Fall aber noch meilenweit von Aachen entfernt sei. Da verlor der Teufel die Geduld und warf voller Wut den Sack von seinem Rücken. Dieser platzte auf und bildete so den Lousberg, der nach der alten Frau benannt wurde, die Aachen mit ihrer List gerettet hatte.
Auf der Spitze dieses Berges stand Josef Vandervaals nun und blickte hinab auf Aachen.
Der Teufel passt zu Aachen, dachte er. Der Privatermittler blickte nach Norden und sah direkt neben dem Tivoli, dem neuen Fußballstadion, das berühmte Reiterstadion, wo alljährlich das CHIO ausgetragen wurde.
„Von dort hat er also seinen Pferdefuß.“ Er lachte.
Dann sah er die große Kuppel des Doms mitten in der Stadt und wusste, warum er hier hochgefahren war. Von oben hatte man einfach den besseren Überblick.

Szenentrenner


Kurze Zeit später stapfte er bereits durch die Innenstadt in Richtung des Aachener Doms. Vor dem Elisenbrunnen stieg ihm der Duft des Aachener Heilwassers in die Nase.
„Schwefelig“, bemerkte Vandervaals. „Natürlich! Der Teufelsgeruch. Noch eine Spur.“
Je länger er darüber nachdachte, desto plausibler fand er seine Schlussfolgerungen. Der Teufel musste sich immer noch hier aufhalten, schließlich rochen Teile der Innenstadt nach ihm. Pferdefüße, Schwefel. Das alles passte.
Ein Obdachloser ging zu dem kleinen Brunnen in der Wand, formte seine Hände zu einer Schale und trank gierig das warme Wasser.
Vandervaals war nun sicher, auf der richtigen Spur zu sein.

Wenige Schritte später stand er vor dem Aachener Dom. Um dessen Entstehung rankte sich die bekannteste Sage.
Die Aachener hatten damals nicht genug Geld gehabt, um den Bau des Doms zu vollenden. Sie ließen sich auf einen Handel mit dem Teufel ein und versprachen ihm die erste Seele, die den neuen Dom nach Fertigstellung betreten würde. Der Teufel war einverstanden und bezahlte die restlichen Bauarbeiten am Dom. Doch als das Bauwerk endlich vollendet war, wollte sich natürlich niemand an den Handel halten. Keine Menschenseele betrat freiwillig den Dom.
Die einfallsreichen Aachener Bürger aber fingen in den damals noch vorhandenen Wäldern einen Wolf und jagten ihn in das Gotteshaus. Der Teufel, der sich hinter den großen Eingangstüren versteckt hatte, stürzte sich auf das arme Tier und riss ihm die Seele aus dem Leib.
Als er jedoch bemerkte, dass er hintergangen worden war, stürmte er aus dem Dom und schlug die Türe so fest zu, dass sein Daumen abriss und in der Tür stecken blieb.
Vandervaals steckte seine Finger in den Türgriff der „Aachener Wolfsthüre“ am Dom und fühlte dort den Daumen des Teufels. So viele Spuren, und er hatte den Teufel immer noch nicht gefunden. Seine Zeit lief ab. Inzwischen war es bereits früher Abend geworden. Wenn er diesen Auftrag vergeigte, war sein eigener Abstieg unausweichlich. Vielleicht wollte Frau Schmitz sogar den Vorschuss zurück. So durfte es nicht enden. Er musste sich etwas überlegen.
Ihm gegenüber stand wieder der Obdachlose, der sich nun mit einer Hand eine Zigarette anzündete. Er war in etwa so groß wie Josef, trug eine braune, abgewetzte Jacke und eine karierte Hose. An seiner rechten Hand fehlte ihm der Daumen.
Das ist kein Zufall, dachte er, als das Telefon in seiner Tasche klingelte.
„Haben Sie ihn?“ Es war seine Auftraggeberin.
Josef antwortete nicht direkt, sondern starrte weiter unverblümt den Obdachlosen an. Er dachte kurz nach.
„Ja. Ja, ich glaube, ich habe ihn.“
„Gut. Dann bringen Sie ihn her. So schnell wie möglich. Fahren Sie zur Tiefgarage unter dem Fußballstadion. Sie werden erwartet.“
Vandervaals legte auf und ging hinüber zu dem Obdachlosen. „Wollen Sie sich fünfhundert Euro verdienen?“
Der Mann nickte.

Szenentrenner


Kurz darauf lenkte Vandervaals seinen Corsa über die Krefelder Straße. Um ihn herum liefen noch verspätete Fans durch die Gegend, doch das alles entscheidende Spiel hatte begonnen.
Als er den Wagen zur Rampe der Tiefgarage hinabfuhr, kam ihm ein Security-Mitarbeiter entgegen. Unter seiner gelben Weste versteckten sich nicht unerhebliche Muskeln. Er bedeutete ihnen zu halten und das Fenster runterzukurbeln. „Herr Vandervaals?“
Josef nickte.
„Sie werden erwartet.“
Er wies die beiden an ihm zu folgen. Dann wurden sie direkt zwei weiteren Security-Mitarbeitern übergeben.
„Bitte folgen Sie uns.“ Der Griff, mit dem der eine Vandervaals am Oberarm packte bedeute nichts Gutes. Josef versuchte sich loszureißen, doch er hatte keine Chance. Der Obdachlose neben ihm wurde etwas sanfter, aber ebenso bestimmt neben ihm hergeführt.
Sie durchquerten hell erleuchtete Gänge, liefen durch ein Labyrinth aus Beton, während über ihnen das Schicksalsspiel der Alemannia ausgetragen wurde.
Ich wünschte, das wären meine einzigen Probleme, dachte Vandervaals, Abstieg oder nicht. Als ob das alles wäre im Leben.
Eigentlich ging es wirklich nur darum. Abstieg oder nicht. Wenn er keine Aufträge mehr bekam, würde er zwangsläufig absteigen. Verdammt, davor hatte er Angst. Und das Gleiche gilt für den armen Teufel hier neben mir, dachte er, überhaupt, für den Teufel. Wer wollte schon in die Hölle absteigen. Jeder hatte seine eigene Hölle, begriff er plötzlich. Und auf jeden wartete der persönliche Teufel.
Sein Arm begann zu schmerzen, doch der Griff des Sicherheitsmannes blieb unerbittlich. Hoffentlich kommen wir hier wieder raus, überkam Vandervaals ein ungutes Gefühl.
„Herr Vandervaals. Schön, dass Sie es geschafft haben.“ Frau Schmitz stand in einem kleinen, abgedunkelten Raum. Die Lampe einer kleinen Vitrine, war die einzige Lichtquelle. Sie reichte gerade, um das Gesicht der Frau notdürftig zu beleuchten.
Umso besser, dachte Josef, dann schaut sie ihn sich nicht zu genau an. Er begann zu schwitzen. Hoffentlich ging das gut.
Frau Schmitz steckte sich eine ihrer langen Zigaretten an, dann wandte sie sich direkt an den Obdachlosen. „Ich freue mich wirklich, Sie wiederzusehen.“ Ihre Stimme hatte ihren harten Klang verloren und eine bis dahin unbekannte Weichheit angenommen.
Der Obdachlose lächelte und nickte, blieb sonst aber stumm.
„Wenn Sie sich kurz legitimieren könnten?“ Sie verlangte vom Teufel sich auszuweisen! Wie verrückt war diese Frau, dass sie ein Zeichen verlangte, um an den Leibhaftigen zu glauben, den sie alleine in ihm sehen wollte?
Der Obdachlose zuckte die Achseln, zog eine Zigarette aus der Tasche und steckte sie sich in den Mund. Als er sie anzündete, konnte man den Stumpen seines fehlenden Daumens im Licht des Streichholzes sehen. Es roch nach Schwefel, als das Zündholz verglomm.
„Danke, das reicht mir. Ich bin sehr froh, dass wir Sie finden konnten. Wir haben etwas mit Ihnen zu besprechen.“ Mit diesen Worten hob sie die Hand und deutete auf die Schwärze hinter sich. Vandervaals kniff die Augen zusammen. Jetzt konnte er sehen, dass sich dort ein gutes Dutzend Schatten bewegten – Menschen, die den Schutz der Dunkelheit vorzogen. Sie wollten nicht erkannt werden.
„Meine Partner ziehen es vor, unerkannt zu bleiben. Nicht wegen Ihnen“, sie deutete auf den Obdachlosen, „Ihnen kann man nichts vormachen, nicht wahr? Das haben wir gemerkt. Nein, wegen ihm.“ Nun blickte sie Vandervaals an. „Wenn Sie nur halb so gerissen sind, wie man es Ihnen nachsagt, dann können Sie sich denken, wer dort hinten steht. Aber wir werden es Ihnen nicht auf die Nase binden, auch wenn es für Sie sowieso keine Relevanz mehr hat.“
Was sollte das bedeuten? Wieso war es egal, ob er die Personen im Hintergrund sah oder nicht? Vandervaals schwante Übles, wollte sich erneut losreißen, doch der Muskelmann hinter ihm griff nur fester zu.
„Ich vertrete eine Interessensgemeinschaft bestimmter Aachener Bürger, die nur das Beste für unsere Stadt wollen.“ Sie sprach nun wieder mit dem Obdachlosen, der unbeteiligt an seiner Zigarette zog und sich in Rauch hüllte.
„Wir sind Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe beim Bau des Stadions. Wirklich. Ohne Ihre Hilfe hätten wir nie genug ... aber das wissen Sie ja bereits. Es tut mir leid, dass es da gewisse Unregelmäßigkeiten bei den Modalitäten Ihrer Bezahlung gab. Es lag nie in unserem Sinne, Sie zu hintergehen.“ In ihrer Stimme lag ein flehender Unterton und Vandervaals begriff, was geschehen war. „Sie haben den Teufel betrogen? Schon wieder? Ich fass es nicht. Haben sich wohl gedacht, was damals beim Bau des Doms funktioniert hat, würde wieder aufgehen, was? Für ein Fußballstadion?“ Vandervaals schüttelte den Kopf, wurde dann aber direkt vom Securitymann in die Knie gezwungen.
„Ruhe“, bellte der ihn an und Vandervaals verstummte.
In der Dunkelheit rumorte es, als die Schatten aufgeregt flüsterten. Kein Wunder, dachte Vandervaals, dass sie nicht erkannt werden wollten. Sie hatten den Teufel betrogen!
Frau Schmitz ignorierte seinen Einwand. „Bitte!“ fuhr sie an ihren Teufel gewandt fort, „wir haben seit Wochen nicht mehr gewonnen! Wenn wir heute verlieren, steigen wir ab. Dann ist es vorbei mit uns! Keine Liga, kein Geld, nichts! Wir würden Ihnen gerne geben, was Ihnen zusteht, wenn Sie den Fluch von unserer Mannschaft nehmen.“
Vandervaals raffte sich noch einmal auf. „Sie handeln mit dem Teufel? Was war denn sein Preis?“
Doch die Security schloss ihm seinen Mund.
„Wir haben die gewünschte Seele hier.“ Und in Zeitlupe sah Vandervaals, wie sich Frau Schmitz umdrehte und auf ihn zeigte. „Nehmen Sie ihn als Bezahlung, als Dankeschön der Interessensgemeinschaft aller besorgten Aachener Bürger.“
Vandervaals konnte es nicht glauben. Das war ihr Plan gewesen? Er sollte den Teufel besorgen und ihm dann geopfert werden? Eine solche Hinterhältigkeit konnte er kaum glauben. Plötzlich war er froh, nicht häufiger mit solchen Menschen zu verkehren.
Der Obdachlose nickte und lächelte. Dann kam er zu Vandervaals herüber und zog ihn am Ellenbogen hoch.
Unverhofft erbebte über ihren Köpfen die Erde. Ein Rauschen ertönte durch die Gänge. Frau Schmitz drehte sich fragend um und sah in die Dunkelheit.
„Eins zu Null. Wir führen!“, kam eine erleichterte Stimme aus der Dunkelheit. „Nur noch Sekunden zu spielen.“
Den Obdachlosen interessierte das nicht. Er klopfte Vandervaals ein wenig Staub vom Anzug, bevor er ihm in die Augen blickte.
„Komm. Wir gehen.“ Vandervaals hörte seine Stimme zum ersten Mal. Sie war warm und einnehmend, seine Augen aber, freundlich blinzelnd, waren von roten Äderchen und gelben Flecken überzogen. Sein Atem roch nach Rotwein und Tabak. War er doch der echte Teufel? Oder nicht? Wer hatte jetzt wen betrogen? Die Aachener den Teufel? Vandervaals Frau Schmitz? Oder Frau Schmitz Vandervaals? Er wusste es nicht mehr. Aber er bekam es mit der Angst zu tun. Hatten sie ihn an den Teufel verkauft? Oder spielte der Obdachlose nur ein verdammt gutes Spiel?
Der Securitymann blickte Frau Schmitz an, die erschöpft auf einen Stuhl gesunken war. Sie nickte.
„Was ist mit meinem Honorar?“ Vandervaals drehte sich noch einmal zu ihr um.
„Dort wo Sie jetzt hingehen, brauchen Sie kein Geld.“
„Das Spiel ist aus. Wir haben gewonnen“, kam die Stimme aus der Dunkelheit.
Vandervaals fröstelte. Er war froh, wenn er heil hier raus kam und mit diesen Verrückten nichts mehr zu tun hatte. Der Obdachlose nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch das Labyrinth unter der Erde.

Szenentrenner


Als sie wieder im Auto saßen und durch die Stadt fuhren, atmete Vandervaals aus. Er lebte noch – und er hatte noch fast fünftausend Euro von dem Vorschuss in der Tasche. Der Obdachlose neben ihm zündete sich eine Zigarette an.
„Danke!“ Vandervaals blickte ihn an. „Ich glaube, du hast mir den Hintern gerettet. Und ich bin verdammt froh, dass du nicht der Teufel bist.“
Der Obdachlose lächelte: „Wenn du noch einen Hunderter drauf legst, dann werden sie es nie von mir erfahren.“
Vandervaals schluckte, dann musste er lachen.
„Na klar.“ Er gab ihm den Schein. An einer Ampel hielt er an. „Darf ich dich was fragen? Wie hast du eigentlich deinen Daumen verloren?“
Der Obdachlose öffnete die Autotür. „Das ist schon lange her. Damals hat man mich hier mal übers Ohr gehauen, weißt du. Da habe ich die Tür vom Dom so fest zugeschlagen, dass mein Daumen abgerissen ist. Dort steckt er immer noch.“
Er zwinkerte Vandervaals zu, stieg aus und verschwand in der Menge der feiernden Fußballfans, die nun die Innenstadt überfluteten.

Szenentrenner


16. Sep. 2013 - Andreas Dresen

Bereits veröffentlicht in:

CHILL & THRILL
A. Bionda u.a. (Hrsg.)
Anthologie - Modern Crime-Stories - Fabylon - Nov. 2011

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